Der 31. Oktober steht in Belgien nicht nur für Laternen und Masken. In verschiedenen Epochen verdichtet sich dieser Tag zu Momenten, in denen sich Institutionen formten, Medienbahnen öffneten, Kriegsfronten verschoben und die Verwaltung der Hauptstadt neu geordnet wurde. Aus belastbaren amtlichen und wissenschaftlichen Quellen rekonstruiert, zeigen die folgenden Schlaglichter, wie vielfältig dieser Kalendertag in Belgien wirkte. Das Auswahlkriterium ist strikt: Jeder Vorgang ist eindeutig auf den 31. Oktober datiert und besitzt einen unmittelbaren Belgienbezug. Die Spur führt von der Hauptstadt nach Mechelen und Muizen, von der Baupolitik des 19. Jahrhunderts über die Pionierzeit des Fernsehens bis zur Klimageschichte und zu den letzten Kampfwochen des Jahres 1918.
Belgien am 31. Oktober
31. Oktober 1866: Brüssel setzt den Grundstein für den Justizpalast
Mit einer feierlichen Zeremonie beginnt am 31. Oktober 1866 der Bau des Palais de Justice de Bruxelles. Der staatliche Bauherr – die heutige Régie des Bâtiments – und die regionale Denkmalpflege datieren die Grundsteinlegung ausdrücklich auf diesen Tag. Entworfen vom Architekten Joseph Poelaert, erwuchs hier auf der Place Poelaert das monumentale Symbol des belgischen Rechtsstaats. Archivalien vermerken die Anwesenheit des damaligen Justizministers Jules Bara bei dem Akt; die Baugeschichte reicht von einem 1860 ausgelobten Wettbewerb bis zur Einweihung am 15. Oktober 1883. Mit seiner schieren Größe prägte der Justizpalast den Horizont der Hauptstadt und wurde zum stadtbildprägenden Fixpunkt, dessen Restaurierungen bis heute öffentliche Debatten auslösen.
31. Oktober 1942: Zwei Deportationszüge verlassen Mechelen in Richtung Auschwitz-Birkenau
Am 31. Oktober 1942 verließen die Transporte XVI und XVII Belgien in Richtung Auschwitz-Birkenau. Forschung, Museumsdokumentation und erhaltene Transportlisten belegen den doppelten Abgang auf den Tag genau. Besonderheit dieses Datums war die Nutzung des nahegelegenen Bahnhofs Muizen: Waggons wurden dort zusammengestellt oder ergänzt, nachdem sie in der Caserne Dossin in Mechelen beladen worden waren. Die Kazerne Dossin hält die Transportdaten und Einzelschicksale zugänglich, internationale Gedächtnisinstitutionen und ein Untersuchungsbericht für den belgischen Senat beschreiben die organisatorischen Abläufe. Der 31. Oktober 1942 steht damit als präzise markierter Knotenpunkt der Verfolgungs- und Deportationspolitik im besetzten Belgien.
31. Oktober 1953: Belgien startet reguläre Fernsehprogramme
Der Samstagabend des 31. Oktober 1953 markiert den offiziellen Beginn des Fernsehens in Belgien. Das Nationaal Instituut voor de Radio-omroep und sein französischsprachiges Pendant Institut national de radiodiffusion (NIR/INR), Vorläufer von VRT und RTBF, nahmen an diesem Tag reguläre TV-Ausstrahlungen auf. Der öffentliche Rundfunk dokumentiert die Zäsur in seiner Institutionschronik; das NIR-Jahrbuch 1953 hält ausdrücklich fest: „Op 31 October werden de Televisie‑uitzendingen ingezet.“ Von Beginn an wurden zwei eigenständige Programme für niederländisch- und französischsprachiges Publikum gefahren – ein medien- und sprachpolitischer Markstein, der Belgien früh in den Kreis regulärer Fernsehnationen stellte.
31. Oktober 1905: Der kälteste Oktober des 20. Jahrhunderts endet in Uccle
Nach den Messungen des staatlichen Wetterdienstes schloss am 31. Oktober 1905 in Uccle der kälteste Oktober des 20. Jahrhunderts ab. Das Institut royal météorologique führt den Tag in seinem Verzeichnis „bemerkenswerter Ereignisse“ mit einem Monatsmittel von 5,9 Grad Celsius – weit unter der damaligen Norm. Die Notiz ist mehr als eine Klimakuriosität: Sie verankert ein exaktes Datum in der langen, instrumentellen Beobachtungstradition Belgiens und dient als belastbarer Referenzpunkt, an dem sich spätere Extremmonate und langfristige Trends messen lassen.
31. Oktober 1918: Die alliierte Offensive in Belgien tritt in die Schlussphase
Am 31. Oktober 1918 beginnt in Belgien die dritte Phase der alliierten Herbstoffensive – militärgeschichtlich als Abschnitt an Lys, Ableitungskanal und Escaut beschrieben. Das War Heritage Institute datiert diese Phase eindeutig vom 31. Oktober bis zum 11. November 1918 und schildert die vergeblichen Versuche der belgischen und französischen Truppen, den Kanal de dérivation der Lys an diesem Tag zu überschreiten. In den folgenden Tagen drängten die Alliierten die deutschen Kräfte auf die Escaut‑Linie zurück. Das städtische Erinnerungsportal zum Weltkrieg 1914–1918 ordnet diese Operation als „Bataille de la Lys, du canal de dérivation et de l’Escaut“ mit Beginn am 31. Oktober, womit der Tag als markanter Einschnitt der letzten Kriegswochen im belgischen Raum belegbar ist.
31. Oktober 1830: Brüssel erhält in der Revolutionszeit einen neuen Bürgermeister
Wenige Wochen nach den Septembertagen ordnete das provisorische Regime die Kommunalspitzen neu. Am 31. Oktober 1830 wurde – wie die Stadtarchive belegen – der Graf Edouard de Rouillé zum Bürgermeister von Brüssel ernannt; ihm zur Seite standen die Schöffen Julien Ducorron und Emmanuel Dupret‑Devos. Der auf den Tag genau dokumentierte Verwaltungsakt zeigt, wie rasch sich das revolutionäre Übergangsregime institutionell verdichtete, und ergänzt die großen Marksteine – die Unabhängigkeitserklärung vom 4. Oktober und die Wahl des Nationalkongresses am 3. November – um ein präzises Stabilitätsdatum in der Hauptstadt.
Ein Datum, viele Geschichten
Die sechs Fallstudien zeigen einen wiederkehrenden 31. Oktober, an dem Strukturen entstehen, technische Innovationen sichtbar werden, extreme Witterung gemessen wird und Kriegslinien sich verschieben. Sie sind jeweils exakt datierbar und zugleich in größere Entwicklungen eingebettet – Bau- und Justizgeschichte, Medienpolitik, Klimakunde und militärische Schlussphase. Bemerkenswert ist der dichte Schulterschluss zwischen staatlicher Dokumentation und öffentlichem Gedächtnis: Von der Régie des Bâtiments über die Kazerne Dossin, den öffentlichen Rundfunk und das War Heritage Institute bis zum Institut royal météorologique und den Archiven der Stadt Brüssel bleibt der 31. Oktober in Belgien kein bloßer Kalendereintrag, sondern ein überprüfbarer Moment der Zeitgeschichte.
Redaktion: Länderblick (Artikel mit KI-Unterstützung).